Heimatkunde der anderen Art
Ein moderner Wegweiser zu Spuren des Nationalsozialismus in der Region Gäu-Neckar-Alb lädt zu eigenen Entdeckungsreisen ein.
In Gedenkstätten, in Orts- und Kreisarchiven, in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen gibt es Menschen, die sich oft seit vielen Jahren mit der jüngeren deutschen Geschichte beschäftigen. Diese Kenntnisse für einen Wegweiser zu ganz unterschiedliche Orte und Personen zu nutzen, hatte sich der Gedenkstättenverbund Gäu-Neckar-Alb vor einiger Zeit als Aufgabe gestellt. Dieter Grupp als erfahrener Pädagoge und Vorsitzender des Vereins Gedenkstätten KZ Bisingen hatte die Idee zum Projekt vorgestellt und schnell andere überzeugt.
Jetzt liegt das Ergebnis der gemeinsamen Arbeit vor und beeindruckt durch seine Vielfalt, seine moderne Aufmachung und sein durchdachtes und ansprechendes Layout.
Von Gäufelden im Norden bis Spaichingen im Süden, von Burladingen im Osten bis zur Schwarzwaldhochstraße im Westen werden Geschichtsorte vorgestellt, die die Zeit der NS-Diktatur und deren Behandlung in der Nachkriegszeit beschreiben. Vier einleitende Artikel geben grundlegende Informationen zu den Themen NS-„Volksgemeinschaft“, Widerstand gegen den Nationalsozialismus, die Jüdischen Gemeinden in der Region und Das Unternehmen „Wüste“ und seine KZ-Außenlager, mit denen der NS-Staat kurz vor Kriegsende noch Öl aus Ölschiefer gewinnen wollte und Tausende Häftlinge in den Tod trieb.
In den 51 Artikeln findet man z.B. einen Artikel von Ines Mayer über die „Weiberschlacht“ in Geislingen, wo sich 200 Frauen einer Schließung der katholischen Kinderschule zugunsten eines Kindergartens der NS Volkswohlfahrt widersetzten. Paul Münch berichtet über das mutige Wirken des Sonnenwirt Julius Klink in Bisingen-Steinhofen, der sich gegen die rassistische Diskriminierung von Landfahrern wandte. Und Friedrich Wein schreibt kenntnisreich über das Führerhauptquartier „Tannenberg“ an der Schwarzwaldhochstraße, dessen Reste heute im Nationalpark Nordschwarzwald liegen. Die verschiedenen Orte des Unternehmens „Wüste“ werden detailliert vorgestellt. Mit dem Wegweiser kann man mehrere Orte finden, an denen ermordete Zwangsarbeiter begraben wurden, wo es ehemalige Synagogen und jüdische Friedhöfe gibt und vieles mehr.
Alle Artikel sind reich bebildert, haben einen kurzen Überblickstext, eine Zusammenfassung, was man besichtigen und eine Anfahrtskarte, wie man den jeweiligen Ort erreichen kann. Die meisten Artikel geben auch Literaturhinweise zur vertiefenden Beschäftigung. Besonders hilfreich ist eine ausklappbare Karte im Umschlag des Buches, die einen Überblick über alle Orte mit Kapitelnummer gibt.
Der handlich Band ist fadengeheftet und dadurch auch für den Gebrauch unterwegs gut gerüstet.
Mit dem Buch wird die jüngere Heimatgeschichte der Region Gäu-Neckar-Alb attraktiv vorgestellt. Der günstige Preis des Werks wurde möglich durch die Förderung von vier Landkreisen und zwei Stiftungen.
Verbrechen. Volksgemeinschaft. Widerstand.
Ein Wegweiser zu Spuren des Nationalsozialismus in der Region Gäu-Neckar-Alb.
264 Seiten. Durchgehend vierfarbig, fadengeheftet.
16 Euro. ISBN 978-3-7801-1030-5.
Im Buchhandel und in den Gedenkstätten der Region erhältlich.
Ab sofort können Sie Ihren Besuch auf dem Lehrpfad durch die App "KZ-Weg Bisingen" bereichern. Die App zeigt Ihnen über eine Karte genau, wo Sie sich - aktuell und historisch - befinden, und sie verschafft Ihnen Zugang zu weiteren Informationen, Bildern und Audios.
Die App kann im Vorfeld eines Besuchs im App Store für IOS und bei Google Play für Android heruntergeladen werden (Umfang: 180 MB).
Die App wurde von Nina Fuchs und Pascal Faude vom Technischen Gymnasium Balingen im Rahmen eines Seminarkursprojekts im Schuljahr 2021/2022 erstellt.