Museum Bisingen
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Rückblick 2017: Erfahrung und Flexibilität – Der Verein Gedenkstätten KZ Bisingen ist ein gefragter Partner bei der Vermittlung der NS-Geschichte

Mit einem neuen Besucherrekord beschließt der Verein Gedenkstätten KZ Bisingen das Jahr 2017. Knapp 1400 Personen besuchten das Museum und den Geschichtslehrpfad. Auch sonst gab es zahlreiche Aktivitäten und zum Jahresende noch eine hohe Auszeichnung: das europäische Kulturerbe-Siegel.

 

Das Vereinsjahr endete mit einem Paukenschlag: der Verleihung des „European Heritage Labels“ durch die Europäische Kommission für die Gedenkstätten des ehemaligen Konzentrationslagers Natzweiler und seiner Außenlager. Der Verein Gedenkstätten KZ Bisingen gehört zu den zwölf bürgerschaftlich getragenen Initiativen in Baden-Württemberg, die in der ersten länderübergreifenden Bewerbung mit dem Kultursiegel ausgezeichnet wurde – als Würdigung für ihren Beitrag zur Völkerverständigung. Damit ist die Gedenkstätte Bisingen nicht nur Teil des Außenlager-Verbunds, zu dem unter anderem die Eckerwald-Initiative in Schörzingen und der Gedenkstättenverein Hailfingen-Tailfingen gehören. Darüber hinaus reiht sich Bisingen ein in die nunmehr 39 Stätten, die das Kulturerbe-Siegel seit 2013 verliehen bekamen. Die Jury bezeichnet sie als „Meilensteine in der Gestaltung des heutigen Europas“. Sie würden „sorgfältig ausgewählt, und zwar anhand ihres symbolischen Werts, ihrer Rolle in der europäischen Geschichte und der von ihnen angebotenen Aktivitäten, die die Europäische Union und ihre Bürger einander näherbringen“. Damit spielt Bisingen gewissermaßen in einer Liga mit dem antiken Athen, der Kaiserlichen Hofburg in Wien und der historischen Werft in Danzig, um nur einige Kulturstätten zu nennen.

 

Der Bisinger Gedenkstättenverein kann überhaupt auf ein erfolgreiches Jahr zurückblicken, was sich auch in der Statistik ablesen lässt. Mit 1390 Besuchern konnte die bisherige Rekordzahl von 2016 noch einmal um rund 80 Personen gesteigert werden. Den Hauptanteil machen die gebuchten Führungen aus. Insgesamt wurden 38 Gruppen durch das Museum in der Kirchgasse und auf dem Geschichtslehrpfad geführt, 27 davon waren Schulklassen oder Lehramtsanwärter. Dabei geht der Gedenkstättenverein immer auf die Bedürfnisse der jeweiligen Gruppen ein. So wünschen sich die Dozenten der Seminare für Lehrerbildung zusätzlich zu den historischen Informationen didaktische Hinweise und Erkenntnisse bei der Vermittlung der NS-Thematik an Schülergruppen. Lehrer sind zunehmend interessiert an kooperativen Modellen. So fand die letzte Führung des Jahres für und mit eine Klasse 9 des Gymnasiums Hechingen statt. Eine Schülerin bestritt selbst die Führung auf dem Lehrpfad als sogenannte GFS, eine besondere Art der Leistungsmessung und wurde dabei vom Vorstandsmitglied Karl Kleinbach begleitet, der auch den Abschluss im Museum übernahm. Der Hechinger Begleitlehrer meldete zurück: „Das Format ‚Schüler-Guide plus Unterstützung vom Fachmann‘ hat gut funktioniert. Die Schülerin war inhaltlich und geografisch vorbereitet; dennoch haben die Impulse von Herrn Dr. Kleinbach immer wieder neue Perspektiven aufgemacht und den Ertrag des Nachmittags sicherlich erhöht.“

 

Eine besondere Lernleistung erbrachte im Frühsommer die Abiturientin Nadja Diemunsch vom Gymnasium Ebingen. Die 18-Jährige hatte über Monate Prozessakten und Literatur zum damaligen Bisinger Lagerkommandanten Franz-Johann Hofmann ausgewertet und präsentierte ihre Ergebnisse öffentlich im Museum, was einen Teil ihrer Abiturprüfung darstellte. Inzwischen absolviert Nadja Diemunsch ein Freiwilliges Soziales Jahr im Staatsarchiv Sigmaringen und ist an der Gedenkstätte in Bisingen als Jugendguide tätig. Ihr erster Einsatz fand gleich für die Lehramtsanwärter des Seminars Rottweil statt, die jährlich mit ihrem Fachleiter Dr. Matti Münch nach Bisingen kommen. Im Januar wird sie zusammen mit ihrem Jugendguide-Kollegen Konstantin Schönleber zwei Schulklassen der Geschwister-Scholl-Schule aus Tübingen führen. Die GSS wird wie in den Vorjahren mit ihrer gesamten Klassenstufe 9 anreisen. Innerhalb einer Schulwoche werden hier neun Klassen auf dem Geschichtslehrpfad geführt – eine organisatorische Herausforderung. Für die Erfahrungen des Gedenkstättenvereins in der Vermittlungsarbeit interessierten sich im zu Ende gehenden Jahr auch zwei Studentinnen vom Ludwig-Uhland-Institut in Tübingen, die ihre kulturwissenschaftliche Bachelorarbeit zu diesem Thema erarbeiten und mehrmals zu Gesprächen in Bisingen waren. Anfang nächstes Jahr soll das Projekt abgeschlossen sein.

 

Neben den Führungen als dem „Kerngeschäft“ des Gedenkstättenvereins fanden zahlreiche andere Aktivitäten statt, die ebenfalls Eingang in die Besucherstatistik fanden. Dies sind zunächst die drei großen Jahresveranstaltungen: der NS-Vorbehaltsfilm im Januar – diesmal wurde der Durchhaltefilm „Kohlberg“ gezeigt – sowie die Vorträge von Nadja Diemunsch über KZ-Kommandant Hofmann im Juni und von Sascha Lange über Jugendopposition im Dritten Reich im November. Ein Höhepunkt im Vereinsjahr war die sehr gut besuchte Tagung des Gedenkstättenverbunds Gäu-Neckar-Alb zur „Erinnerungskultur und der Zukunft der Gedenkstätten“ in Gäufelden. Der Bisinger Gedenkstättenverein war hier nicht nur maßgeblich an den Planungen beteiligt, sondern bestritt und vermittelte mehrere Programmpunkte. So hielt die Museumsbeauftragte Doris-Astrid Muth einen Vortrag über die Erinnerungsgeschichte des Konzentrationslagers in Bisingen, leitete Konstantin Schönleber einen Workshop zur Arbeit der Jugendguides und berichtete Schwester Silvia Pauli über das Filmprojekt zu ihrer besonderen Familiengeschichte: Ihr Großvater war 1944/45 Lagerführer im KZ Bisingen gewesen.

 

Ein wichtiges Anliegen des Gedenkstättenvereins und der Gemeinde ist die Kooperation mit den Bisinger Schulen. Hier wurde auch in diesem Jahr zum Holocaustgedenktag im Januar im Museum eine Gedenkstunde mit der Werkrealschule durchgeführt. An der Realschule ist die AG Spurensuche seit Jahren fester Bestandteil des Curriculums. Geleitet wurde sie erstmals von der Museumsbeauftragten Doris-Astrid Muth in Klassenstufe 8. Die Neuntklässler führten mit Unterstützung des Bauhofs die alljährliche Putzete im Kuhloch durch.

 

Eine noch stärkere Verankerung der Gedenkstätte im Ort ist ein wichtiges Ziel, das sich der Verein für das nächste Jahr setzt. Die Einbeziehung der Bevölkerung wird schon bei der Erarbeitung der neuen Museumskonzeption angestrebt. Mit dem Gemeinderatsbeschluss vom November hat der Verein „grünes Licht“ für eine zeitgemäße Umgestaltung der Ausstellung in der Kirchgasse bekommen. Diese wird den Schwerpunkt der Vereinsarbeit im Jahr 2018 darstellen.

 


Rückblick 2016: Verein Gedenkstätten KZ Bisingen verzeichnet abermals gestiegene Besucherzahlen

Mit einem neuen Besucherrekord beschließt der Verein Gedenkstätten KZ Bisingen das Jahr 2016. Insgesamt wurden 37 Gruppen mit rund 800 Teilnehmern über den Geschichtslehrpfad und durch das Museum in der Kirchgasse geführt, darunter waren 27 Schulklassen. Zusammen mit den sonntäglichen Einzelbesuchern im Museum und den Besuchern der drei großen Veranstaltungen ergibt sich eine Gesamtzahl von 1314 Personen.

 

Inzwischen gibt es mehrere „Stammkunden“, die regelmäßig jedes Jahr Exkursionen nach Bisingen unternehmen. So kommt das Tübinger Uhland-Gymnasium mit der gesamten Klassenstufe 9 und selbst das Fürstenberg-Gymnasium aus Donaueschingen macht sich mit seinen Neuntklässlern auf die weite Anreise. Die letzten Klassen im Jahr 2016 kamen von der Geschwister-Scholl-Schule in Tübingen (GSS), die Bisingen seit dem letzten Schuljahr fest in ihrem Schulcurriculum verankert hat. Vergangenen und diesen Montag wurden jeweils zwei neunte und zwei zehnte Klassen über den Geschichtslehrpfad geführt. Im Januar werden noch einmal zwei GSS-Klassen kommen.

 

Für die Geschichtslehrer der Region bietet die Gedenkstätte Bisingen eine praktische Alternative zu bekannteren, aber weiter entfernt liegenden Orten wie Dachau oder Natzweiler im Elsass. Da Bisingen verkehrstechnisch sehr gut angebunden ist, kann so auch eine halbtägige Exkursion gut organisiert werden. Die meisten Schulklassen reisen mit der Bahn an und da der Bahnhof bereits die erste Station des Geschichtslehrpfads ist, kann sofort gestartet werden. Außer dem vergleichsweise geringen Zeitaufwand bietet Bisingen weitere Vorzüge gegenüber einer professionellen Gedenkstätte wie Dachau. Vielen Schülern war vor ihrem Besuch nicht klar, dass es in der letzten Kriegsphase auch „vor der Haustür“ Konzentrationslager gegeben hat. Dass der NS-Terror auch in kleinen, idyllisch anmutenden Orten wie Bisingen wirkte, ist für viele Schüler eine neue Erkenntnis, die sich jedoch didaktisch gut nutzen lässt. Dadurch werden Fragen nach der Reichweite oder Durchdringung diktatorischer Strukturen, aber auch nach persönlicher Verantwortung aufgeworfen. Auch die Erinnerungsgeschichte nach 1945 wird an einem Ort wie Bisingen greifbar.

 

Ein weiteres Plus stellt das Engagement der Guides dar. Während an großen Gedenkstätten vor allem freie Mitarbeiter im Einsatz sind, erleben die Besucher in Bisingen Personen, die einen besonderen Bezug zum Thema haben. Zum einen sind das Mitglieder des Gedenkstättenvereins, die häufig über eine langjährige Erfahrung verfügen, zum anderen gibt es seit einigen Jahren die Jugendguides. Diese haben in der Regel eine mehrmonatige Basis-Qualifizierung durch das Kreisarchiv Tübingen absolviert und suchen sich dann eine Gedenkstätte, wo sie gegen ein Honorar Führungen übernehmen. Von diesem Modell profitieren beide Seiten: Der Verein kann so nicht nur die vielen Führungsanfragen annehmen, sondern gewinnt überdies auch neue Mitglieder. Zwei ehemalige Jugendguides sind seit Jahren sogar im Vorstand tätig: als Kassierer und Schriftführerin. Auf der anderen Seite erwerben die Jugendlichen, die oft noch in Ausbildung oder Studium sind, wichtige Kompetenzen im Erarbeiten und Präsentieren eines komplexen Themas und erhalten dafür ein angemessenes Honorar. Und die Besucher? Die buchen sehr gerne die Jugendguides, weil sie einen ganz besonderen Zugang zu den nur wenig jüngeren Schülern haben. Und – die Jugendguides erfüllen eine wichtige Vorbildfunktion. In einer Zeit, in der viele Jugendliche auf der Suche nach Orientierung sind, fungieren Generationsgenossen, die sich an einer Gedenkstätte engagieren, als imponierende Rollenmodelle.